Ali Mitgutsch zum 70. Geburtstag

Ein herzliches "Happy Birthday" in Wort und Bild zum siebzigsten Geburtstag (21.8.1935) jenes Künstlers, der als Erfinder der Wimmelbücher gilt, der aber darüber hinaus auch wunderschöne Kunstwerke für Erwachsene kreiert hat.

 

Ausstellung in der Internationalen Jugendbibliothek München

Ali Mitgutsch bei Wikipedia

Ali Mitgutschs Bücher beim Ravensburger Buchverlag

Ganz viele Bücher von Ali Mitgutsch

Ali Mitgutsch - eine Ausstellung und ein Gespräch in München
 

Ali mitgutsch 

Es ist ein wunderschöner sonniger Donnerstagmorgen im September 2005. Im Innenhof eines bezaubernden Schlösschens aus dem 15. Jahrhundert mitten in einem kleinen Park, direkt neben einem Weiher, stehen zahlreiche gut gelaunte Menschen und warten auf den Beginn eines Pressegesprächs.

Unter ihnen: Ein schlanker älterer Herr, dessen rotes Käppi perfekt mit seiner burgunderfarbenen Jacke harmoniert. Das muss er sein, der Mitgutsch Ali.

Ein bisschen zurückhaltend sieht er aus, dabei aber verschmitzt, ausgesprochen höflich - und keinen Tag älter als Ende fünfzig.

Und dieser braungebrannte Mann, dessen einziges Zugeständnis an das Alter seine wunderbaren Lachfalten um die Augen sind, soll Jahrgang 1935 sein und somit bereits siebzig Jahre zählen?! Aber hallo!!

Andererseits: Wer mehr als vierzig Schulbücher und über siebzig Bilderbücher, Poster, Leporellos und Puzzles gestaltet hat &endash; ganz zu schweigen von den Arbeiten für Erwachsene, zu denen neben Bildern auch Objektkästchen zählen &endash; nun, ein solcher Künstler muss eine gewissen Anzahl an Lebensjahren haben, oder?

Keine Frage also, dass hier genug Material für eine Ausstellung vorliegt. Das hat auch die Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München erkannt. Zumal sie als langjährige Freundin des gelernten Graphikers genau weiß, dass der "Vater aller Wimmelbücher" (ein Titel, den der Münchner selbst übrigens nicht wirklich schätzt) weit mehr kann und auch geschaffen hat als den, zugegeben völlig neuen Typus Bilderbuch mit seinen unzähligen Figuren und Gegenständen.

Die kostenlose Ausstellung Ali Mitgutsch - Ein Chronist der Welt im Kleinen läuft noch bis zum 30. Oktober 2005 in der Internationalen Jugendbibliothek in München und ist schon für die Allerkleinsten geeignet. Sie umfasst rund 60 Arbeiten des Künstlers aus allen Bereichen seines künstlerischen Schaffens und enthält neben den Originalillustrationen zu seinen beliebten Bilderbüchern auch eine Auswahl freier Arbeiten für Erwachsene, darunter frühe Reiseeindrücke sowie die Serie der "Spaßvögel" und collagierten "Traumkästen".

Bücher, Bilder und Humor

 

1968 war es, dass Mitgutsch, selbst dreifacher Vater, mit "Rundherum in meiner Stadt" (ein Titel, der sich seitdem bereits mehr als eine Million mal verkaufte) eine Bilderbuchwelt schaffte, mit der sich nicht nur die kleinen Betrachter intensiv beschäftigen und auseinandersetzen konnten. Kein Wunder also, dass er dafür direkt den Deutschen Jugendbuchpreis bekam.

Denn bei seinen Büchern handelte es sich ja nicht nur um eine willkürliche Ansammlung von Abbildungen, sondern in jedem Bild wurden kleine Geschichten mit viel Hintersinn und Humor erzählt. Und so auch neben den berühmten Wimmelbüchern das ein oder andere kleine heitere Menchlcien mitten in die Ernsthaftigkeit eines Schulbuchs hineingesetzt - und so garantiert dem einen oder anderen Schüler das Lesen und Rechnen lernen versüßt.

Mitgutsch hat immer die Kinder im Kopf hat, wenn er etwas für sie schafft. Beim Anblick des großen Gespenster-Spielebuches mit seinen zahlreichen Klappen sagt er: "Kinder macht es Spaß, hinter die Dinge zu schauen. Und mein Anliegen ist es, die Mädel und Buben anzuregen, die Dinge zu hinterfragen und genau hinzuschauen. So sollen sie mündige Bürger werden!"

Doch nicht nur die Kinder, auch die Eltern will der Träger des Hans-Christian-Andersen-Preises motivieren, sich aktiv mit seinen Bildern auseinanderzusetzen. Denn durch die Tatsache, dass Mitgutschs Werke eben (zumindest meist) KEINE Texte haben, sind die erwachsenen Vorleser gezwungen, mit den Kindern zu kommunizieren, Antworten zu finden auf die Frage "Was passiert da?" und bestimmte Details, die den kleinen Betrachtern noch nicht so geläufig sind, zu erklären.

Als nächstes erklärt Mitgutsch, wie es zu den Riesen-Wimmelbüchern kam:

"Von klein auf hätte ich gern in meinen Bildern gewohnt und habe mir immer Bücher gewünscht, die so groß sind, dass man sich hineinlegen kann! Aus diesem Grund entstanden die ersten Poster. Leider jedoch gestaltete sich deren Absatz sehr, sehr schwer: Der Versand war schwierig, oft wurden die Poster dabei beschädigt und die Käufer waren dann natürlich verärgert. Aus diesem Grund setzte sich diese Sache also nicht wirklich durch.

Eines Tages dann, auf einer Sitzung mit meinem Verlag, es muss Anfang der Achtziger gewesen sein (die anwesende Lektorin weiß noch das genaue Datum, es war 1981), machte einer der Marketing-Leute den Vorschlag, den Umschlag meines aktuellen Buches stark zu vergrößern, damit dies als Blickfang in die Schaufenster der Buchhandlungen gehängt werden könne.

Da praktischerweise auch der Hersteller anwesend war, fragte ich diesen, ob es denn rein theoretisch möglich wäre, das ganze Buch so groß zu machen und er sagte "ja!".

Daraufhin meinte der Vertriebsmensch, das sei eine wunderbare Idee, er könnte davon bestimmt 1000 Stück verkaufen.".

Es wurden dann 15.000, die im ersten Jahr über den Ladentisch gingen …

Danach spricht der Münchner über den Grund, warum er nach all seinen großen Erfolgen im Bilderbuchbereich mal etwas ganz anderes machen wollte: "Mit der Zeit konnte ich meine Wimmelbücher mit links machen. Weil ich aber das, was ich tue mit Herzblut tun möchte, suchte ich nach einer neuen Herausforderung."

Er probierte es mit einem Roman &endash; daraus wurde nichts. Also beschloss der damals 66jährige, ein Sabbatjahr einzulegen, in dem es mal überhaupt nicht um Kinder gehen sollte. "Erst machte ich Blechschilder, aber das war es nicht. Dann wandte ich mich einem Lindenbaum zu, den ich mit einer Motorsäge zerlegte, um kleine Figuren zu machen."

Unterbrochen von zahlreichen Lachern seitens der Zuhörer erzählt der Künstler sodann wie er sich drei Wochen lang mit diesem Baum plagte, und dann als Ergebnis leider keineswegs wie gewünscht kleine expressionistische Figürchen, sondern ausschließlich Karikaturen in den Händen hielt.

"Es war kalt, es war anstrengend und nach diesen drei Wochen war es einfach auch gut!"

Doch einer wie Mitgutsch, der sich schon als Kind nicht unterkriegen ließ, als er während der Evakuierung im Allgäu von den dortigen Lehrern und Schülern drangsaliert wurde, der gibt so leicht nicht auf.

Warum nicht Collagen machen? Kompositionen aus verschwitztem Leder, verschossener Seide, mottenzerfressenem Stoff? Kurz gesagt: Aus Dingen, die schon ein Leben hinter sich hatten, sollte etwas Neues werden.

Wie günstig, dass dem Multitalent in diesem Moment eine Schachtel in die Hände fiel mit kleinen Puppen, die er einst auf dem Flohmarkt erstanden und vergessen hatte. Zusammen mit weiterem Material, das eigentlich schon weggeworfen wurde, Material mit Patina, erfüllt noch vom vergangenen Leben und dem ehemaligen Bestimmungszweck, ließ der Künstler in ehemaligen Schubladen dreidimenionale, surreale, ironische Welten entstehen mit vielen kleinen Details, die sich oft vor allem in Zusammenhang mit dem Titel des Werks erschließen.

Dass das Herz des Schwabingers aber den Kindern gehört, das merkt man in jedem Satz. Und dass er recht hat mit dem, was seiner Arbeit zugrunde liegt, das erkennt jeder, der selbst Kinder hat (oder einmal eines gewesen ist ...).

Ali Mitgutsch will die Kinder berühren, ihnen zeitlose Werte mit auf ihren Weg geben. Er weiß, dass unsere Söhne und Töchter eine genaue Vorstellung von dem haben, was sie anspricht und was sie sich wünschen. Und diese Vorstellungen, Wünsche und Träume haben sich - Pokemon und Konsorten zum Trotz - auch in den letzten Jahrzehnten oder vielleicht sogar Jahrhunderten nicht so sehr verändert.

Jungen - und Mädchen! - wollen Höhlen bauen und erforschen, Staudämme konstruieren, in Baumhäuser klettern, träumen davon, fliegen zu können …

Genau daran macht Mitgutsch auch den Erfolg eines Karl May fest: Jedes Kind wäre insgeheim gern ein "Shatterhand", dem man seine Stärke nicht auf den ersten Blick ansieht, der, wenn er nur will, seine Gegner mit seinem Fausthieb zu Boden strecken kann oder der ein Gewehr mit 25 Schuss besitzt …

Die Fans von Ali Mitgutsch jedenfalls lieben seine Bücher, Spiele, Puzzles und Poster - nicht zu vergessen die Leporellos.

Und wer weiß, was dem umtriebigen Bajuwaren noch alles einfällt, während er - wie er über sich selbst sagt, damit beschäftigt ist, "ein liebenswürdiger Alter zu werden!"

 

Michaela Pelz für kinder-stadt, September 2005

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